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Online-Lexikon Ausländer - Fremdenfeindlichkeit - Extremismus



Drogen

In den letzten Jahren erregte die große Zahl suchtkranker Migrantinnen und Migranten und ihre Versorgung in Fachkreisen große Aufmerksamkeit. Bislang liegen quantitative Einschätzungen nur von wenigen Kommunen vor. So geht man in Köln davon aus, dass etwa ein Drittel der Konsumenten illegaler Drogen Migranten sind. Nach dem Jahresbericht 2000 zur Drogen- und Suchtproblematik des Berliner Senats waren unter den im Jahre 1999 erfassten Drogenabhängigen immerhin 19,7 % nicht-deutscher Nationalität. Unter den drogenabhängigen Männern war der Anteil nicht-deutscher Personen (22,3 %) wesentlich höher als unter den drogenabhängigen Frauen (6,8 %).

Nach Angaben von Fachkräften der Suchthilfe und nach Abfrage von offiziellen Polizeidaten liegt der Anteil an Drogenkonsumenten ausländischer Herkunft in den meisten Ballungszentren bei ca. 20 Prozent. Die Tendenz ist steigend. Die Suchtberatungsstellen und ihre Streetworker, Bildungsstätten und Jugendhilfeeinrichtungen bestätigen mit Nachdruck die heftig wachsende Zahl drogenabhängiger junger Menschen.

Junge Aussiedler

Betroffen sind in besonderem Maße Menschen osteuropäischer Herkunft, und hier wiederum die Aussiedler. Die Anzahl von Drogentodesfällen unter jungen Aussiedlern hat sich von 36 (1999) auf 162 im Jahr 2000 mehr als vervierfacht (mit Schwerpunkten in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Rheinland Pfalz und Bayern). Drogenberatungsstellen haben darauf hingewiesen, dass die Anzahl von Aussiedlern unter den Klienten deutlich angestiegen, die Betroffenen aber sehr schwierig erreichbar sind.

Prävention

Um Maßnahmen der Prävention und der gesundheitlichen Hilfe entwickeln zu können, hat das Bundesministerium für Gesundheit Expertisen erstellen lassen, mittels derer die Datenbasis verbessert und bestehende präventive Angebote inventarisiert und evaluiert werden sollen. Man erwartete sich Hinweise, wie der Zugang von Migranten zu Angeboten der Suchtkrankenhilfe verbessert werden könne. Nach dem Drogenbericht 2000 liegen diese Expertisen inzwischen vor. Inzwischen ist die Bundesregierung tätig geworden und führt z.Zt. (Mitte 2003) 12 modellhaft durchgeführte Maßnahmen zur Drogenprävention durch. Auf die dort gesammelten Erfahrungen sollten spezielle Angebote für Aussiedler und sonstige Zuwanderer entwickelt werden.

Der Anteil der Migranten, die die Suchthilfe aufsuchen, liegt jedoch nach einer Befragung in Hannover nur bei fünf Prozent. Sprachliche und soziokulturelle Hindernisse, manchmal auch ausländerrechtliche Hindernisse führen zur eingeschränkten Inanspruchnahme der Hilfsangebote und der notwendigen Behandlung. Unzureichende Kenntnisse über Drogen und Sucht sowie mangelndes Vertrauen sind weitere Gründe.

Türkische Familien suchen häufig in einem kurzzeitigen Heimataufenthalt einen Ausweg. Diese Kurztherapien im Heimatland führen in der Regel nur zu einer kurzfristigen Abstinenz. Auch das Verheiraten von drogenabhängigen Jugendlichen gehört zu den häufig praktizierten "Therapien" türkischer Familien. Auch bei langjähriger Drogenabhängigkeit bleibt eine enge Bindung an die Familie. Mütter sind oft früh über die Drogenabhängigkeit informiert. Sie sind wichtige Ansprechpartner für mögliche Aufklärungskampagnen.

Bislang sind Angebote der Prävention, Beratung und Therapie nicht ausreichend auf die Zielgruppe der Migranten eingestellt. Über erste Ansätze modellhafter Versorgungseinrichtungen gibt das Handbuch interkulturelle Suchthilfe Auskunft.

R. Salman, S. Tuna, A. Lessing (Hrsg.): Handbuch interkulturelle Suchthilfe. Modelle, Konzepte und Ansätze der Prävention, Beratung und Therapie, Edition Psychosozial

Drogenkriminalität

Schon seit Jahren spielen Jugendliche im logistischen Kalkül ausländischer Drogenringe eine zunehmende Rolle. Türkische und vor allem kurdische Jugendliche, die hier geboren sind, die Städte sehr genau kennen, die deutsche Sprache beherrschen und Zugang zu Kreisen gleichaltriger deutscher Jugendlicher haben, werden zunehmend als Kuriere und Kleindealer eingesetzt. Da die Bezahlung hoch ist, können insbesondere Jugendliche, die eine unzureichende Schulbildung an der Hauptschule genossen haben und keine große berufliche Perspektive sehen, den Angeboten oft nicht widerstehen. Viele von ihnen sind selbst Drogenkonsumenten oder werden es im Laufe ihrer Tätigkeit.

Das Thema Drogenkonsum von ausländischen Jugendlichen fand bislang kaum öffentliches Interesse. Beim Bundesdrogenkongress 1986 z.B. hatte eine Arbeitsgruppe zu diesem Thema wenig Zulauf. Im Meinungsbild der Öffentlichkeit steht das (nicht völlig wirklichkeitsfremde) Klischee vom womöglich international organisierten ausländischen Dealer im Vordergrund. Das Problem des Konsums durch in Deutschland aufgewachsene Jugendliche, die dadurch vielfach erst in Beschaffungskriminalität und Drogenkleinhandel hineingeraten, wird außer acht gelassen.

Die Mitarbeiter von Drogenberatungsstellen weisen schon länger darauf hin, dass es dieses Problem gibt und dass es zunimmt. Ausländerbehörden wie Drogenberatungen vermuten eine hohe Dunkelziffer, die weit über die Dunkelziffer deutscher Drogenabhängiger hinausgeht. Das hat Gründe in der besonderen Situation ausländischer Jugendlicher:
  • Rauschgiftkriminalität gilt als besonders schwerwiegende Straftat und bringt für Ausländer regelmäßig die Gefahr der Ausweisung mit sich, auch wenn nach dem heutigen Ausländerrecht bei jugendlichen Tätern die Aufenthaltsdauer, die familiären Bindungen, der erreichte Integrationsstand usw. schwer wiegen und oft einer Ausweisung entgegenstehen.
  • Das Misstrauen gegen alles, was nach Behörde aussieht, ist unter ausländischen Jugendlichen groß und verhindert, dass Beratungs- und Hilfsangebote angenommen werden. Der strenge Ehrbegriff zwingt zur Geheimhaltung der Abhängigkeit vor der Familie, aber auch durch die Familie, wenn sie die Abhängigkeit erkannt hat.

Die Angebote von Drogenberatungsstellen haben dann eine bessere Chance, wenn - wie in Frankfurt oder Berlin - in der Drogenberatung ausländische Ansprechpartner zur Verfügung stehen. In der Regel sind Selbstheilungsversuche im Rahmen der Familie vorausgegangen. Öffentliche Therapieeinrichtungen werden selten in Betracht gezogen.

Recherchehinweise zum Thema:
Bundesministerium für Gesundheit, Am Propsthof 78a, 53121 Bonn, Telefon 01888 - 441-1307 oder -1308, Fax 01888 - 441-4861, http://www.bmgesundheit.de
Bundeskriminalamt, Thaerstr. 11, 65193 Wiesbaden, Telefon 018 88 26 - 0, Fax 018 88 - 2 6121 41, E-Mail: poststelle@bka.bund400.de, http://www.bka.de
Deutsche Hauptstelle gegen Suchtgefahren, Westring 2, 41749 Hamm, 02381 - 9015-0, Fax 02381 - 15331

Literaturhinweise zum Thema:
Rüdiger Höhn / Claudia Stork: Drogenproblematik junger Ausländer, in: ISS (Hrsg.) Informationsdienst zur Ausländerarbeit 3/1990